Einleitung

Während des deutsch-tschechischen Projekts „Brýlen Rauš“ von Čojč, an dem junge Leute aus Deutschland und Tschechien mit und ohne Sehbehinderung teilnahmen, verwendeten wir die folgenden Hilfsmittel, Methoden, Spiele und Übungen, die sich auch bei der weiteren Arbeit mit gemischten Gruppen von Sehenden/Blinden bzw. Menschen mit und ohne Seheinschränkung einsetzen lassen. 

konkrete Spiele und Aktivitäten

Viele bekannte Spiele müssen nur ein kleines bisschen abgeändert werden, damit man sie auch blind spielen kann. Gesten lassen sich durch Berührung oder Klang/Geräusche ersetzen. Wenn nicht anders angeführt, haben die Spielenden für die gesamte Spieldauer Augenmasken auf den Augen. Wichtig ist an dieser Stelle, dass alles ausreichend verbal beschrieben wird – die verwendeten Gesten, Bewegungen, der Raum usw.

Orientierung im Raum

Aktivitäten zur Orientierung ermöglichen, dass die „sehenden Teilnehmenden“ für die Bedürfnisse der Menschen mit Seheinschränkung sensibilisiert werden und verstehen, wie sie sie unterstützen können.  Rechtzeitig vor Unebenheiten auf der Straße, vor Ästen, Pfützen, Werbeaufstellern warnen, die visuellen Sinneseindrücke aus der Umgebung beschreiben usw. In einem vertrauten Umfeld können die Seheingeschränkten die Sehenden führen.

Erste Orientierung im Raum

Form: Menschenkette

Ziel: den Raum kennenlernen

Alle Teilnehmenden (=TN) legen ihre rechte Hand auf die Schulter der Person vor ihnen. Eine Person führt die Gruppe, zwei weitere Personen passen auf die TN in der Kette auf. 

Anmerkungen des Leitungsteams: 

  • Die Kette tendiert dazu, sich am Ende etwas aufzulösen. Während die Ersten vorne dem Hindernis noch ausweichen, würde der hintere Teil der Kette ohne Hilfe wahrscheinlich gegen die Wand laufen. 
  • Für unsere Zwecke wollten wir den sehenden TN ermöglichen, dass sie in den Arbeitsraum gelangen ohne den Weg zu sehen und so die Möglichkeit bekommen, mögliche Stolperfallen für die Unterstützung der blinden/seheingeschränkten TN wahrzunehmen.
  • Für die blinden/seheingeschränkten TN ist es vor allem wichtig, in dem neuen Raum Orientierung zu gewinnen. Es reicht nicht, einen Weg nur einmal abzugehen, sondern mehrere Male (am besten einzeln mit einer Assistenz). Es ist hilfreich, auf Orientierungspunkte wie den Abfalleimer vor der Tür, den Tisch usw. hinzuweisen, anhanddessen sich die Leute den Ort besser merken können.

Führen zu zweit an der Schulter

Form: Spaziergang in Paaren MIT MASKE UND OHNE MASKE / Sehende und Blinde

Ziel: Orientierung im Raum, präzise Beschreibungen

Die TN bilden Paare. Eine Person sieht/kennt den Raum, die andere nicht/hat eine Maske. Führen durch Anbieten der Schulter. Die führende Person im Paar weist rechtzeitig und ruhig auf nahende Hindernisse oder Unebenheiten hin (Stufen, Reklameständer, Bordsteine, Äste etc.) und beschreibt interessante Dinge – wie der Marktplatz aussieht, Details an den Fassaden, Sehenswürdigkeiten etc.

Führen zu zweit mit Handkontakt 

Form: Spaziergang in Paaren MIT MASKE UND OHNE MASKE / Sehende und Blinde

Ziel: Orientierung im Raum

Eine Variante des Vorherigen mit anderem Griff. Die geführte Person legt ihre Handfläche oben auf den Handrücken der führenden Person. Zuerst ausprobieren im Arbeitsraum oder in einem kleinen Raum, bis die TN sich sicher fühlen. Die Führenden bestimmen über die Hand Gehtempo, Stehenbleiben, Richtung; heben oder senken der Hand hilft ggf. Hindernissen auszuweichen.  Vor einem Hindernis ist es hilfreich, langsamer zu werden oder stehen zu bleiben, damit die geführte Person die Möglichkeit hat, sich auf das Hindernis einzustellen.

Anmerkung: Dies ermöglicht ein Führen ohne Worte. Die geführte Person kann sich auf Geräusche und Sinneseindrücke aus der Umgebung konzentrieren. 

Blind Dinner

Form: Abendessen

Ziel: Selbsterfahrung

Die Leitung führt die Gruppe in einer Schlange hinter sich in den Speisesaal. 2 Leitungen und 2 Assistenzen helfen den Leuten das Essen am Büffet zu beschreiben und es auf den Teller zu legen. Der Teller am Schluss kann beschrieben werden wie ein Uhrzeiger – auf der Drei ist das Fleisch, auf der Neun der Reis, auf der Zwölf der Salat usw.

Aktivitäten zur spielerischen Gruppenaufteilung

Flaschenmemory im Raum (Memory-Variante für die Ohren)

Form: Raum

Ziel: Bildung von Paaren

Hilfsmittel: 20 Bierflaschen mit Füllung (=10 Paare)

Die TN bilden einen Kreis. Die Leitung verteilt die Flaschen. Die Aufgabe der TN ist, ihr Gegenstück zu finden. Als Füllung lassen sich Reis, Münzen, Zündhölzer, Nägel, Nelken, Glas, Steinchen, Kümmel usw. verwenden.

Anmerkung des Leitungsteams: Sehr laute Füllungen übertönten die leiseren. Manche Töne waren zu ähnlich – am besten vorher ordentlich ausprobieren.

Gewürze

Form: Raum

Ziel: Bildung von Gruppen

Hilfsmittel: Gläser mit Gewürzen (Paprika, Kümmel, Fenchel, Oregano etc.)

Die Gläser verteilen. Die Aufgabe ist, dass sich die Gleichen in Gruppen zusammenfinden. Die Gläser sind dementsprechend vorbereitet, wie viele Mitglieder jede Gruppe haben soll (für das Bilden von Dreiergruppen jedes Gewürz in drei Gläsern etc.)

Kennenlernaktivitäten

Name Name

Form: Kreis

Ziel: Namen lernen

Die Spielenden stehen im Kreis. Zweimal klatschen auf die Oberschenkel, zweimal in die Hände. Wichtig ist ein regelmäßiger Rhythmus, nicht schneller werden. Zuerst soll sich in der Gruppe der Rhythmus etablieren, dann spricht eine Person im Kreis beim Klatschen auf die Oberschenkel den eigenen Namen, beim Klatschen in die Hände der Name einer Person, die als nächstes an der Reihe ist.

Name + Geräusch

Form: Kreis

Ziel: Namen lernen

Der Reihe nach im Kreis sagt jede*r seinen/ihren Namen und macht ein Geräusch dazu, die anderen wiederholen. Ist die erste Person wieder an der Reihe, sagt sie den Namen von jemand anderem, diese Person macht ihr Geräusch und Person 1 geht zu ihr und nimmt ihren Platz ein. Die/der Genannte geht daraufhin in den Kreis und sagt den nächsten Namen.

Soziometrie (Linie)

Form: Raum - Linie

Ziel: Kennenlernen, sich gegenseitig „abklopfen“ 

Die Leitung fordert die TN auf, sich der Größe nach in einer Linie aufzustellen – oder nach Geburtstag, Schuhgröße, alphabetisch nach Vornamen etc. Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass die TN nicht sprechen, ggf. sagen sie nur das, was das Thema Aufreihung ist – „Geburtstag“, „Name“ etc.

Anmerkung des Leitungsteams: Die TN müssen sich gegenseitig anfassen, um ihre Position in der Reihe zu finden. Für die Blinden/Seheingeschränkten entsteht so die Möglichkeit auf eine ungezwungene Art die Anderen über den Tastsinn kennenzulernen – wie groß sie sind, was sie anhaben usw. Außerdem baut es eine gewisse Vertrauensbasis auf wenn mit genügend Vorsicht agiert wird.

Blind Speed Date (Variante zum Speed-Dating)

Form: Innerer und äußerer Kreis

Ziel: Kennenlernen

Zu Beginn wird ein Desinfektionsmittel für die Hände durch den Kreis geschickt, damit die TN kein Problem damit haben, von dreckigen Händen im Gesicht angefasst zu werden. Dann bekommen alle in der Gruppe eine Zahl - die Hälfte die 1, die andere die 2.  Die „Einsen“ bildeten den inneren Kreis, die „Zweien“ den äußeren. 1min 30sec sprechen nur die Leute im inneren Kreis, danach 1min 30sec die Leute aus dem äußeren Kreis. Die Leitung achtet auf die Zeit. Thema: 1) Name, 2) Aussehen, 3) ein paar Sätze über sich selbst. Danach wurden die TN dazu aufgefordert, der Person gegenüber die Hand auf den Arm zu legen, den Hals, den Kopf, die Nase, die Ohren – für eine nähere Vorstellung über das Äußere der Person gegenüber, der sie gerade begegneten.

Finde deine Nachbar*innen!

Form: Kreis / Raum

Ziel: Kennenlernen anhand des Aussehens

Am Anfang im Kreis. Der Reihe nach beschreiben die TN ihr Aussehen – z.B. „Ich bin sehr groß, ich habe einen Strickpulli mit einem großen Knopf an, an der rechten Hand trage ich einen Ring in der Form einer Schlange” etc.). Die Leitung fordert die TN dazu auf, sich das Aussehen der jeweiligen Person vor und nach einem zu merken. Nachdem sich alle beschrieben haben, verteilen sich die TN im Raum und haben zur Aufgabe ohne zu sprechen wieder ihre Nachbar*innen zu finden und den ursprünglichen Kreis wieder herzustellen.

Anmerkung des Leitungsteams: Es ist hilfreich darauf hinzuweisen, dass die Leute solche Sachen beschreiben sollen, die die anderen ertasten können ohne dass es sie selbst stört (z.B. nicht die Form der Brille beschreiben, wenn man nicht will, dass die anderen alle die Brille antappen).

Impulsspiele

Heja (Variante von Heja mit Klatschen statt Gesten)

Form: Kreis

Ziel: sich als Gruppe einstimmen, Auflockerung

Heja ist ein beliebtes Spiel im Čojč Theaternetzwerk, für dieses Projekt wurden die Gesten mit akustischen Signalen ersetzt.

Die Spielenden stehen im Kreis, die Knie sind leicht gebeugt, der ist Schwerpunkt im Zentrum. Im Kreis wird ein Impuls (= ein Signal, das weitergegeben wird) geschickt, der aus dem Zwerchfell von der Stimme unterstützt kommt. Die Leitung beginnt mit dem Impuls „Heja!“ und gibt nach und nach mehr Optionen hinzu. Bei jeder Einführung einer neues neuen Signals wird dieses mit der Gruppe ausprobiert und ggf. korrigiert. Statt den Handgesten, die beim Senden des Impulses “Heja” verwendet werden, klatschen die Spielenden in dieser Version in Richtung des Nächsten. 

Weitere Impulse, die benutzt werden können:

  • „Hot down“ – Richtungswechsel (Geste im eigentlichen Spiel: ein Knie nach oben, die Ellbogen nach unten dem Knie entgegen)
  • „tagadá“ (Reaktion: alle gehen zwei Schritte in den Kreis und sagen „tschin tschin“, dabei schnipsen sie zweimal mit den Fingern). 
  • „Ha-iiih“ überspringt die folgende Person.
  • Außerdem gibt es die Möglichkeit, einen Impuls quer durch den ganzen Kreis zu schicken. Eigentlich nehmen hierfür zwei TN Blickkontakt auf und die schickende Person klatscht zu der Person, die den Impuls bekommen soll. In der Version für TN mit Seheinschränkung wird statt einem Klatschen und Blickkontakt einfach nur geklatscht und der Name gerufen.

Zehn (Variante von 7Up)

Form: Kreis

Ziel: sich als Gruppe einstimmen, Zahlen in der Fremdsprache lernen

Der Reihe nach im Kreis sagt jede*r eine Zahl von 1 bis 10. Der Impuls wird weitergegeben, indem man mit der Handfläche mittig den Rücken der Person links oder rechts von sich berührt. Die Zahl 10 wird weitergegeben, indem man mit dem Fuß die benachbarte Wade berührt. Wenn jemand einen Fehler macht (falsche Zahl, den zehnten Impuls mit der Hand statt mit dem Fuß weitergeben, etc.), beginnt es wieder mit 1 bei der Person, die den Fehler machte.

Anmerkung des Leitungsteams: 

  • Das Spiel kann auch mit Ausscheiden gespielt werden. 
  • In unserer deutsch-tschechischen Gruppe zählten wir abwechselnd auf Tschechisch und auf Deutsch. 

Warm-Ups

Fangenspiel mit Ball

Form: Im Raum

Ziel: Warm-Up, sich als Gruppe einstimmen

Hilfsmittel: Goalball (=spezieller Klingelball)

Zwei Leute sind am Anfang dran mit Fangen. Abgeklatscht wird indem der Ball die Schulter berührt (nicht werfen). Die Fänger*innen müssen den Ball in der Hand halten. Wer den Ball hat, darf nicht gehen. Die beiden schicken sich den Ball zu, indem sie ihn über den Boden rollen. Wer gefangen wurde, wird auch Fänger*in. Es wird solange gespielt, bis alle fangen.

Tanz

Form: Innerer und äußerer Kreis

Ziel: Warm-Up

Hilfsmittel: Musik

Die TN stehen in einem Inneren und einem äußeren Kreis, sie fassen sich innerhalb der Kreise jeweils an den Händen. Die Leitung sagt, was gemacht werden soll, die Gruppe macht das direkt mit. Zuerst die Ansage und die Übersetzung, dann erst „jetzt/los“. Z.B. Innerer Kreis Schritt nach rechts, äußerer Kreis links. Kniebeuge und Sprung. Kreuzschritt. Zueinander. Auseinander. Auf die andere Seite etc.

Anmerkung des Leitungsteams: Dies ist eine von wenigen Aktivitäten, die schnelle Bewegungen trotz der Seheinschränkung ermöglicht.

High high low low

Form: Kreis

Ziel: Warm-Up

Bei der Einführung jeder Geste beschreibt die Leitung die damit verbundene Bewegung. Die Leitung macht eine der folgenden Gesten und die Aufgabe der Gruppe ist es, immer mit dem Gegenteil zu reagieren. Gegenteilspaare: 

  • „High high“ mit hoher Stimme, Hände nach oben schütteln – „Low low“ mit tiefer Stimme, die Hände nach unten schütteln. 
  • „Venga venga“ die Hände machen eine Wellenbewegung nach links – „Whoop whoop“ Bewegung aus zwei Schritten vor dem Körper. 
  • Zweimal Klatschen auf die Oberschenkel – zweimal Klatschen in die Hände.

Pilze

Form: Raum

Ziel: Warm-Up, lockere Atmosphäre schaffen, Namen wiederholen

Die TN verteilen sich gleichmäßig im Raum. Die Leitung fordert sie auf, sich in Gedanken eine Person auszusuchen, die ihr „Pilz“ sein wird. Sobald das Spiel beginnt, wiederholen alle permanent ihren eigenen Namen. Das Ziel ist, seinen „Pilz“ zu finden und dreimal um ihn herumzulaufen (was dadurch erschwert wird, dass sich der „Pilz“ ebenfalls im Raum bewegt). Sobald es gelingt, ruft der/die TN „Juchuuu!“ und beginnt auf dem Platz zu hüpfen, dabei weiterhin den eigenen Namen wiederholend, damit die anderen nach wie vor die Chance haben, ihren „Pilz“ zu finden. Das Ende kann entweder sein, wenn die erste Person ihren „Pilz“ gefunden hat oder die letzte.

Anmerkung des Leitungsteams: Es bietet sich an, das Spiel mehrmals hintereinander zu Spielen. Erfahrungsgemäß stellt sich der Spielspaß besonders ab dem zweiten Mal ein, wenn alle schon wissen, worauf es ankommt. Mehrere Runden führen zu einem guten körperlichen Warm-Up.

Moleküle

Form: Raum

Ziel: Warm-Up, Zahlen und Körperteile in der Fremdsprache lernen

Die TN sind gleichmäßig im Raum verteilt. Die Leitung sagt eine Zahl und einen Körperteil, z.B. „vier Ellbogen“ oder “drei Köpfe” – die TN sollen nun zusammen mit den anderen in der Gruppe 4 Ellbogen verbinden. Wer übrig bleibt, gibt das nächste Kommando.

Improvisationsspiele

Mein rechter, rechter Platz ist frei (Variante für TN mit Seheinschränkung)

Form: Kreis

Ziel: Wiederholung der Namen, Spaß

Eine Person beginnt: „Mein rechter, rechter Platz ist frei, da wünsch‘ ich mir den/die (Name) herbei – als (Tier).“ Damit man weiß wohin die gerufene Person gehen soll, wird mit den Fingern in die Lücke geschnipst. Die Person links neben der nun neu entstandenen Lücke ist als nächstes dran. Die Gerufenen imitieren die Tiere mit Bewegung und Geräuschen.

Ich bin – ich nehme

Form: Kreis - OHNE MASKEN

Ziel: sich als Gruppe einstimmen, Spaß

Die Spielenden stehen im Kreis. Die erste Person geht in die Mitte, nimmt eine Pose ein und benennt sich - z.B. “Ich bin ein Baum”. Eine zweite Person kommt dazu und fügt sich ins Bild ein - z.B. “Ich bin der Apfel, der vom Baum fällt”. Ebenso eine dritte Person. Person 1 wählt mit den Worten „Ich nehme...“ eine der anderen beiden Personen aus und sie gehen zurück in den Kreis. Die übrige Person beginnt (mit ihrer Pose) die nächste Runde.

Anmerkungen des Leitungsteams: 

  • Zu Beginn des Spiels kann es Sinn machen, die Spielenden darauf hinzuweisen, dass die dritte Person die Pointe darstellen soll. Ggf. Gegenstand – Problem – Lösung. 
  • Dieses Spiel haben wir ohne Masken gespielt. Aufgrund des hohen Anteils von verbalen Bestandteilen hatten auch die Blinden/Seheingeschränkten keine Scheu sich zu beteiligen. Die Leitung kommentierte ab und zu die Positionen – z.B. „liegt auf dem Boden“, „hat einen eher negativen Gesichtsausdruck“ usw.

Radio

Form: Kleingruppen

Ziel: Wiederaufgreifen von Wortschatz in der Fremdsprache

Grundlage ist das sprachliche Material aus einer vorangegangenen Einheit. In diesem Fall waren es Sätze und Wendungen aus vier thematischen Inseln (Frühstück, In der Garderobe, In der Pause und Gesundheit). Diese ausgewählten Sätze sollen kreativ benutzt werden. Die TN bilden 3er/4er-Gruppen. Die Aufgabe ist es, aus diesen Sätzen ein Mini-Hörspiel für das Radio zu entwickeln, d.h. Dialoge und Geräusche. Die Leitung weist auf die Benutzung von Gegenständen zur Geräuscherzeugung hin. 10 min Zeit zum Entwickeln und Proben. Die Leitung steht für Rückfragen zur Verfügung. Anschließend spielen die Gruppen ihr Hörspiel der Reihe nach den anderen vor. 

Anmerkung des Leitungsteams: Diese Aktivität ist vielseitig einsetzbar, bietet sich jedoch vor allem an, um vorheriges Sprachmaterial noch einmal aufzufrischen und ästhetisch umzusetzen. Entweder direkt im Anschluss daran oder am nächsten Tag zum Anknüpfen.

Thematische Aktivitäten

Thema des Projektes war Perspektivwechsel, was durch die Metapher der Brille angenähert wurde. Im Projekt besuchten die Teilnehmenden außerdem Brillenmanufakturen. Die folgenden Methoden können aber mit leichten Abwandlungen an fast alle Themen angewandt werden.

Videoprojektion mit Kommentar

Form: Zwei Gruppen im Raum

Die tschechische Gruppe ist bei der tschechischen Leitung, die deutsche Gruppe ist bei der deutschen Leitung. Die Gruppen sollten so weit wie möglich auseinander sitzen, damit sie sich akustisch nicht gegenseitig stören. Ein Video der Sendung mit der Maus über Brillenherstellung wurde zweimal angeschaut. Zuerst nur der Ton / die tschechische Gruppe mit Übersetzung, dann mit einem Kommentar, was zu sehen ist.

Ich werde Leute nie verstehen, die... (Variante vom Spiel 2 Wahrheiten & 1 Lüge)

Form: Raum

Ziel: Einstieg ins Thema

Hilfsmittel: Zündhölzer (3 pro Person)

Alle überlegen sich 3 Aussagen; 2 Sachen, die einen selbst stören, 1 Sache, die man selbst macht - z.B. “Ich werde Leute nie verstehen, die Inlandsflüge buchen.” oder “Ich werde Leute nie verstehen, die Frischkäse unter Nutella schmieren.”. Dann nehmen sich alle je 3 Zündhölzer als „Leben“. Begegnen sich zwei TN im Raum, sagen sie sich jeweils ihre drei Aussagen. Errät die andere Person richtig, welche dieser Sachen die Person in Wirklichkeit selbst macht, erhält sie eines ihrer Leben (ein Zündholz).

Rituale

Große Runde - Information und Orientierung

Form: Kreis

Ziel: Gelegenheit in der großen Gruppe Informationen zu teilen

In Jugendprojekten wie bei Čojč wo die ganze Gruppe 24 Stunden am Tag beisammen ist macht es Sinn, gewisse Rituale in den Tagesablauf einzubauen. Beispielsweise ist es wichtig, genug Raum zu geben, um Eindrücke, Gefühle, Stimmungen äußern zu können, aber auch darauf zu achten, dass die Leitung für Transparenz sorgt , wie zum Beispiel Informationen zum Tagesablauf oder andere Kleinigkeiten bekannt geben.

In unserem Fall immer nach dem Morgentraining fand die “Große Runde” immer nach dem täglich gleichen Morgentraining statt.

Brillenetui-Post

Form: Brief

Hilfsmittel: Namen, Box, je 1 Brillenetui pro TN

Ziel: Gruppendynamik stärken

Die TN treffen sich im Kreis. Alle losen aus der Box einen Namen. Dieser Person schreiben sie an diesem Abend eine kleine Botschaft. Die Leitung bereitet kleine Papiere und Stifte vor und fordert die TN dazu auf, kleine positive Nachrichten an die Person zu verfassen, die man gezogen hat. Die Sehenden und die Seheingeschränkten sind gleichermaßen dazu eingeladen, sich aktiv Unterstützung beim Schreiben zu suchen / aktiv beim Schreiben zu unterstützen.

Falls sich jemand selbst lost, tauscht er/sie das Zettelchen mit jemand anderem. Die Aktivität führt zu einer angenehmen Gruppenatmosphäre. Es wäre auch möglich mit Brailleschrift zu arbeiten – das Alphabet aufhängen, alle machen Punkte.

Hilfsmittel

Schlafmasken

Als Basic benutzten wir Schlafmasken. So hatten alle die gleichen Voraussetzungen und uns als Leitung ermöglichte es, eindeutige Anweisungen zu geben. Mit Masken verbrachten wir im Laufe des Tages insgesamt durchschnittlich 1-3 Stunden.

Dies kann auch dabei helfen, Gruppen mit unterschiedlichen Graden an Seheinschränkung zu verbinden.

Ball

Akustischer Goalball mit Glöckchen. Für Aktivitäten im Kreis und im Raum. Durch das Klingeln können die TN den Ball genau im Raum lokalisieren.

Gewürze

Zur Gruppeneinteilung. Anzahl der Gläser so wie die Anzahl der Gruppenmitglieder. Füllung für eine 16-köpfige Gruppe z.B.: 4x Paprika, 4x Kümmel, 4x Fenchel, 4x Oregano.

Memory für die Ohren mit Bierflaschen

Ein Kasten Bier mit unterschiedlichen verschieden klingenden Füllungen – immer 2x, z.B. 2x Nelken, 2x Reis, 2x Büroklammern, 2x Scherben usw.

Seil / Schnur

Am Anfang benutzten wir zur Bildung eines Kreises ein Seil, damit alle TN auf einfachem Weg mit dem Rest der Gruppe verbunden waren und durch die Bewegung des Seils den Rest der Gruppe spürten. Bald schon erwies sich das Seil als überflüssig und den Kreis bildeten wir mit den Armen auf den Schultern der Nachbar*innen.

Ordnung

Wir achteten darauf, dass jedes Ding seinen festen Platz im Raum hatte und dass sich im Raum keine Hindernisse befanden. Für die Sehenden markierten wir im Laufe des Projektes genaue Orte für Schreibsachen (Papier, Stifte, Schere, beschriebenes Papier usw.), Essen&Trinken (Getränke, Gläser, Snacks usw.) und persönliche Gegenstände (Flaschen, Notizblöcke ...).

Anmerkung des Leitungsteams: So entstand eine angenehme Atmosphäre, in der man gut arbeiten konnte. Die Teilnehmenden respektierten, wohin die anderen ihre Schuhe, Jacken etc. ablegten.

Orientierungslinie

Wir klebten in der Unterkunft Klebeband auf die Strecken, die wir benutzten. Eingang – Toilette – Garderobe – Arbeitsraum – Speisesaal – Zimmer. 

Anmerkung des Leitungsteams: Wir benutzten Papierklebeband, praktischer wäre, unter das Klebeband eine Schnur zu kleben, damit sie leichter zu finden ist. Mit Socken war das Klebeband spürbar, in Schuhen oder mit Blindenstock allerdings nicht.

Hintergrundinformationen

Es bewährte sich bei uns den TN im Voraus einen Link zu diesem Handbuch zur Unterstützung von Blinden zu schicken: P. Hošová, M. Hůrková und M. Michálka, Verlag Okamžik. Dieses beantwortete im Voraus ein paar Grundfragen für den Kontakt von Sehenden und Blinden/Seheingeschränkten: https://www.knihovnahod.cz/pdf/manual-pomoci-nevidomym.pdf (auf Tschechisch). 

Als deutsche Variante bietet sich die Broschüre „Nicht so, sondern so - kleiner Ratgeber zum Umgang mit blinden Menschen“ an, herausgegeben 2017 vom DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.): https://www.dbsv.org/broschueren.html?file=files/ueber-dbsv/publikationen/broschueren/DBSV_NichtSo_2017.pdf 

Kommunikationsgesten

Die folgenden Gesten benutzten wir täglich. Sie waren so automatisiert, dass die Leute nicht darüber nachdenken mussten, ob die nächste Person sieht oder nicht.

Fingerschnipsen – dorthin wo im Kreis ein freier Platz ist, an dem eine gehende Person ankommen soll

Doppeltes Klatschen – wenn eine Übersetzung benötigt wird (lässt sich sowohl sprachlich als auch visuell benutzen)

Berühren der Schulter der nächsten Person im Kreis – ich habe fertig gesprochen, du bist an der Reihe

Theateraufführung

Während der Theateraufführung ließen wir das Publikum teilweise das erleben, was wir während des Projekts erlebt hatten. Alle erhielten eine Schlafmaske, die sie fast die ganze Aufführung über aufbehielten. Den Raum betraten sie in einer langen Schlange und wurden jeweils von einer/m TN auf einen Platz gesetzt. Während der Aufführung arbeiteten wir vor allem mit Geräuschen, Klang, Musik und Gesang. Die Fantasie des Publikums haben wir jedoch auch mit Gerüchen (sowohl angenehme Düfte als auch hartgekochte Eier usw.) angeregt, welche eine konkrete Szene mit abstrakten Eindrücken ergänzen können. Wir arbeiteten auch mit haptischen Reizen (Spray, Pelz, Zweig etc.), die z.B. dazu führen konnten, dass man dachte, es sei ein Tier da, etc. Ähnlich wie im Marionettentheater war es in diesem Format möglich Dinge zu beschreiben, die schwierig wären umzusetzen wären, wie mithilfe von Geräuschen eine Umgebung zu gestalten (Wald), oder mit Kommentaren eine Umgebung zu schaffen oder eine Szenografie (z.B. er sitzt auf der Bank, es geht eine Frau mit Plastiktüte vorbei). Im Projekt Brýlen Rauš saß das Publikum in der Mitte und die Performenden bewegten sich sowohl um das Publikum herum als auch zwischen ihnen hindurch.

Zusammenfassung

Für die absolute Mehrheit hatten die Aktivitäten mit den „Augenklappen“ einen Mehrwert und sie fanden es gut, dass sie ausprobieren konnten sich in die Perspektive der Blinden/Seheingeschränkten einzufühlen. Für manche Teilnehmende war die Zeit mit den Augenklappen anstrengend. Insgesamt war das Erleben im Projekt sehr intensiv sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Leitung. Angenehm war, dass man das Handicap im positiven Sinne oft vergessen konnte, da die Gruppe gut zusammen funktioniert hat und gegenseitige Unterstützung selbstverständlich war. Dadurch stand das Handicap nicht im Fokus und es war möglich sich gemeinsam den weiteren Themen des Projekts zu widmen.

Fotos vom Projekt: 

Zeitungsartikel über das Projekt: 

pdfPressespiegel Brýlen Rauš 20191.49 MB

Verfasserin: Linda Straub

Übersetzung: Susanne Bierlmeier

NÄCHSTES PROJEKT

2048 Human Radikal

2084: humán radikál
18.-31.05.2021
auf Zoom und Telegram

Wie viel Radikalität steckt in mir, in dir, in jedem von uns? Gemeinsam erarbeiten wir daraus ein interaktives Theaterstück!

 

NÄCHSTE AKTION

Open Call für Grenzlandreisen

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